Beauty matters! – Ästhetik, Schönheit und Usability
Claus Wagner am 28. November 2008 um 19:42
Ich komme gerade vom ID Symposium ‘08 an der Hochschule der Medien in Stuttgart und muss sagen: Ich bin erschlagen von den vielen neuen Eindrücken und Erkenntnissen, die mir dieser Tag gebracht hat. Dass Schönheit in der Attraktivität einer Anwendung oder eines Produktes eine wichtige Rolle spielt war ja schon immer unstrittig. Doch was ist eigentlich schön? Wie wird “schön” definiert und gibt es einen gemeinsamen Nenner, den alle Menschen als schön bezeichnen? Und was hat mehr Gewicht: Schönheit eines Produktes oder die Usability? Ästhetik vs. Usability?
Was ist “schön”…
Über nichts lässt sich bekanntlich nicht oder treffender streiten als über Geschmack. Und Geschmack hat etwas mit dem Schönheitempfinden zu tun. Gibt es etwas, das jeder als schön bezeichnet? Gibt es eine Art Formel, nach der gestrickt alles erstellte automatisch als schön empfunden wird? Gibt es einen Widerspruch zwischen schön und benutzerfreundlich? Schließt das eine das andere aus?
Die geladenen Referenten gaben tiefe Einblicke in ihre Arbeiten und Forschungen. Und eines kann man – so glaube ich – feststellen. Vieles lässt sich definieren und somit auch messen. Aber im Falle des Schönheitsempfindens tun sich die Akademiker schwer. So einfach lässt sich dieses Empfinden nicht erforschen.
Gibt es eine Formel für Ästhetik?
Paul Hekker von der Delft University of Technology hat mit seinem Vortrag zwar gezeigt, dass es wohl schon Menschenbeginn etwas gibt, dass allgemein als ästhetisch angesehen werden kann. Ganz rudimentär. Auch dass eine gewisse Ästhetik der Usability zuträglich ist. So kann durchaus ein gutes, ästhetisches Design dazu beitragen Usability Mankos auszugleichen. Doch bleibt die Frage offen, was wird als ästhetisch angesehen. Liegt es wirklich im Auge des Betrachters? Oder gibt es eine Formel ähnlich dem Goldenen Schnitt, mit deren Hilfe Ästhetik hergestellt werden kann? Diese Formel gibt es leider nicht oder muss zumindest noch gesucht werden.
Was passiert im Gehirn?
Thomas Jacobsen (PhD) ist mit seinen Forschungen an der Universität Leipzig den Vorgängen im menschlichen Gehirn auf der Spur. Er untersucht, was sich im Kopf abspielt, wenn etwas als schön oder unschön empfunden wird. Zwar zeigen die Ergebnisse, dass für diese Entscheidungen gewisse Regionen im Gehirn zuständig sind, aber was zu diesen Reaktionen führt ist ebenfalls unklar.
Ästhetik macht bessere Usability, oder?
Dr. Meinald T. Thiesch (Universität Münster) zeigte anhand von Untersuchungen Web-Sites, dass es wirklich den Faktor “Schönheit” oder “Ästhetik” gibt und die Auswirkungen auf das Nutzerverhalten messbar sind. Usability und Ästhetik unterstützen sich gegenseitig und können positiv auf den Benutzer und die Lösung seiner Aufgaben einwirken. Doch die genaue Definition, wass Schönheit eigentlich ist, bleibt auch er schuldig.
Farbvorlieben in Europa ist unterschiedlich
Christoph Johannes Häberle, Professor an der Hochschule der Medien Stuttgart, machte sich auf den Weg durch Europa, um dem jeweiligen ästhetischen Empfinden in den einzelnen Ländern auf die Schliche zu kommen. Hoch interessant ist dabei das Zusammenspiel der Geschichte, der Gesellschaft und der Kultur. Schöne Erkenntnis unter vielen anderen: Während in Deutschland gelb und als schön angesehen werden, ist diese Kombination in Amerika nicht so beliebt. Also doch ein Zeichen dafür, dass es keinen gemeinsamen Nenner in Punkto “Ästhetik” gibt?
Was ist Schönheit wert? Mehr als Usability?
Dr. Marc Hassenzahl (Hochschule Folkwang) ging einer anderen Frage nach: Schönheit hat einen großen Einfluss darauf, wie wir über Produkte denken. Oder andersherum, wenn die Ästhetik fehlt, dann hat dies einen großen Einfluss auf das Ansehen des Produktes. Doch wie viel sind Menschen Bereit für diese Schönheit zu bezahlen? Mehr als für ein Produkt, dass vielleicht weniger schön, dafür aber praktikabel ist? Nach seinen bisherigen Studien schaut es wohl so aus, dass für praktische Produkte (mit hohem Usability Index) eher mehr Geld ausgegeben wird, als für Geräte, die weniger praktisch, dafür aber schöner sind. Das große Aber kommt jedoch: Besitzt man allerdings ein Gerät, dass man als schön empfindet, dann möchte man weit mehr Geld dafür haben, als man bereit war dafür auszugeben. Das heißt: Der Besitz ist entscheidend. Also kann von einer Art Dilemma gesprochen werden: Ästhetik macht attraktiv und hat eine hohe soziale Komponente, nämlich seinen individuellen Wert. Usability ist aber das Kaufargument.
Fazit: Eine wissenschaftliche Größe, Formel oder Einheit für den Begriff Ästhetik oder Schönheit zu finden schein per dato unmöglich. Dass Ästhetik aber eine Auswirkung – gerade im Human Computer Interaction – hat, scheint zumindest subjektiv richtig und auch in gewisserweise nachweisbar zu sein.
Das Gute daran: Wenn es keine Formel gibt, dann bleibt es den Grafiker überlassen, den Geschmack der Zielgruppe zu treffen. Das sichert zumindest ihre Arbeitsplätze. Denn sonst könnten sie von Automaten ersetzt werden.
Und für Usability-Interessierte bedeutet dies: Ästhetik spielt ein Rolle. Sogar eine wichtige. Aber immer vor dem Hintergrund der Zielgruppe und dem Kontext in dem Aufgaben gelöst werden sollen. Usability kann gemessen und neutral bewertet werden. Schönheit zum Glück (noch) nicht.
Axel Platz von der Siemens AG hat es in seinem Vortrag schön ausgedrückt: “Beauty matters! But what the hell is beauty?” und kam zum Schluss: “Beauty + Usability = Beausability!”

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