Wird wirklich häufiger am Bildschirm gelesen?

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Claus Wagner am 6. März 2010 um 18:32

6 von 10 Befragten lesen immer häufiger am Bildschirm. Das ist das erstaunliche Resultat einer Studie von eResult. 600 Personen wurden über ihr Leseverhalten im Web befragt. 59% sagen: „Anstatt Texte auszudrucken, lese ich immer öfter Texte am Bildschirm.“

Diese Erkenntnis – so eine der Interpretationen – revidiere nun Usabilityregeln vergangener Tage. Das Nutzerverhalten habe sich verändert.

Ist das wirklich so? Oder ist diese Studie eher eine Einladung, der Frage noch genauer auf die Spur zu kommen?

Lesen am Bildschirm: Aber was?

Wenn allgemein nach Lesen gefragt wird, so stellt sich unweigerlich die Frage: Was wird gelesen? Und genau hier scheint mir die Unschärfe des Resultates zu liegen. Eine Unschärfe, die durchaus zu Fehlinterpretationen und überschnellen Konsequenzen führen könnte.

Nicht nur dass mehr am Bildschirm gelesen wird ist ein Erkenntnis, die Frage ist gleich folgend zu stellen: Was wird am Bildschirm gelesen? Haben sich Inhalte in den vergangenen Jahren geändert? Hat sich das Umfeld der Lesenden in dieser Zeit verändert?

Zum Einen ist festzuhalten, dass sich das Nutzen von Texten geändert hat. Mehr mobile Endgeräte wie das berühmte iPhone kommen zum Einsatz und haben es zu einer starken Verbreitung geschafft. Auch der Siegeszug von Netbooks und Co. hat dazu beigetragen vom Schreibtisch unabhängig an Informationen zu kommen.

Die Informationen selbst haben sich verändert. Sie sind in kleineren Happen aufbereitet. Kürzer und schneller zu konsumieren. Auch die Art der Anwendungen, die auf die neue Art und Weise genutzt werden sind anders. Kaum jemand liest Fachtexte oder Studien am mobilen Endgerät. Viel mehr Kurznachrichten, Wetterinformationen und Schlagzeilen. Informationen haben den Hang, immer oberflächlicher zu werden.

Alleine durch diesen Umstand kommt es zu einer vermehrten Nutzung von Texten am Bildschirm. Egal wie groß dieser ist. Ob klein bis winzig auf Handys und Smartphones oder etwas größer auf den notizblockgroßen Netbooks.

Das Fehlen der Ausdruckmöglichkeiten bietet hier ebenfalls Einhalt vor dem Lesen auf dem Papier.

Auch die Akzeptanz von Onlineshops tut ihr Übriges dazu: Schnelle Informationen zu Produkten reichen heute für den Kauf aus.

Aber ist das wirkich alles, was gelesen wird? Nein. Es gibt genügend Anwendungen und Fälle, bei denen komplexere Zusammehänge und Inhalte beschrieben werden. Und diese lassen sich auch heute noch besser auf Papier lesen, als dies auf dem Bildschirm möglich ist.

Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass der Content Usability – der Gebrauchstauglichkeit von Texten – immer mehr Bedeutung zu kommt. Diese aber als Qualität nicht per Heuristik oder Daumenregel global festgelegt werden kann, sondern von Anwendungsfall zu Anwendungsfall unterschiedlich ausfällt.

Fachartikel sind ein solcher Sonderfall, der immer noch auf Papier seine Daseinsberechtigung hat.

Bleibt abzuwarten, ob der Siegeszug von eReadern wie Apples iPad oder Amazons Kindle, dazu verhilft, Büchern aus Papier das Wasser zu reichen.

Festzuhalten bleibt aber auch, dass das mehrfache Verwenden von für Papier erstellte Texte auf digitalen Endgeräten nicht funktioniert. Das muss man leider immer wieder betonen.

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2 Kommentare zu “Wird wirklich häufiger am Bildschirm gelesen?”

  1. Jörg

    Wollte bei meinem E-Book Reader ein “Eselsohr” als Lesezeichen machen – jetzt ist er kaputt….

    Nein, im Ernst: Schlagzeilen, Kurzanleitungen für Anwendungen am Computer, Zitate… , so was lese ich am Rechner

    Aber Bücher sind zumindest für mich Gegenstände, die ich nach meiner Art “lesen” kann. Mit Lesezeichen, Anmerkungen, Zetteln drin.

    Aber: Ich bin auch fast ein halbes Jahrhundert alt….

  2. Ralf Lurker

    Hallo Claus,

    ich finde, dass du einen wesentlichen Aspekt unterbetonst: Die Art des Content Publishing hat sich in den letzten 10 Jahren stark geändert, also wer kann publizieren. Man kann nicht so tun, als habe es diese Inhalte schon immer gegeben, sie wären jetzt nur in verdaulicheren Happen zu haben.

    Bestes Beispiel ist dieser Blog. Du hast einen Weg gefunden, auf einfache und relativ kostengünstige Art und Weise, also ohne an Verlage herantreten zu müssen, deine Inhalte zu publizieren. Wahrscheinlich hast du überhaupt dadurch erst die Möglichkeit erhalten, etwas zu veröffentlichen und gelesen zu werden.

    Deine Inhalt gibt es nicht als Buch, ist es nicht? Also müsste ich es ausdrucken. Das ist aber aus ökologischen und monetären Gründen nicht vertretbar. So bleibt nur das Lesen am Bildschirm, gern auch als schmökern zwischendurch, als kurz: mach weiter so.

    Zum Thema eReader: Sie werden den Büchern nicht das Wasser abgraben, aber ich könnte mir vorstellen, dass sie einen ziemlichen Siegeszug antreten werden im Bereich der Zeitungen und Magazine.

    Bücher sind durchaus auf einem eReader gut lesbar, ob das iPad dazu taugt, bin ich eher skeptisch, denn das ist ein beleuchteter Bildschirm, welcher kein ermüdungsfreies Lesen erlaubt. Außerdem ist es als eReader deutlich zu schwer.

    Und eReader habe Vorteile beim Verreisen: man packt da die 10 Bücher drauf ;-) Bei einer Akkulaufzeit von ca. 8000 mal Umblättern, braucht man sich deswegen keine Sorgen machen, im Gegensatz zum iPad. Das iPad ist kein eBook Reader, der tut nur so.

    Gruß Ralf

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